Friedensnobelpreis für Juan Manuel Santos

Peter B. Schumann
| Publizist |

„Ich habe die Pflicht, optimistisch zu sein“ – sagte der Schriftsteller Héctor Abad zu Beginn der letzten Phase der Friedensverhandlungen. Er war skeptisch wie auch andere seiner Kollegen, die sich zu den Gesprächen mit den FARC geäußert haben. Sie befürchteten, dass die Guerrillaorganisation nicht in der Lage sei, alle ihre Einheiten zu bewegen, die Waffen niederzulegen. Oder dass andere Gewalttäter im Land die entwaffneten Rebellen angreifen und ein Massaker verursachen könnten, wie es schon einmal in den 1980er Jahren an der Unión Patriótica, einem Ableger der FARC, geschehen ist. Das alles würde zu neuen Wellen von Gräueltaten in diesem nach wie vor gewaltreichen Land führen.

Doch keiner der namhaften Autoren, Regisseure, Musiker oder bildenden Künstler hat sich jemals öffentlich gegen den Friedensprozess ausgesprochen. Viele von ihnen haben sich vielmehr gegen die seit Ende der 1940er Jahre immer stärker eskalierende Gewalt in Romanen, Theaterstücken, Filmen, Liedern oder Bildern gewehrt. Sie haben Festivals für den Frieden veranstaltet – unter Polizeischutz – und an einer Kultur des Friedens mitgewirkt.

Der Präsident von Kolumbien, Juan Manuel Santos, und der Komandant der FARC-EP, Timoleón Jiménez, nach der Unterschrift der Waffenstillstandsvereinbarung und Einstellung der Feindseligkeiten. Foto: Luis Ruiz Tito/Presidencia Rep. Dominicana [CC BY-NC-ND 2.0] via Flickr.
Der Präsident von Kolumbien, Juan Manuel Santos, und der Komandant der FARC-EP, Timoleón Jiménez, nach der Unterschrift der Waffenstillstandsvereinbarung und Einstellung der Feindseligkeiten. Foto: Luis Ruiz Tito/Presidencia Rep. Dominicana [CC BY-NC-ND 2.0] via Flickr.

Nach dem Scheitern des Referendums haben in dieser Woche die Studenten den intellektuellen Widerstand gegen die Ablehnung des Friedensvertrags angeführt und mit Demonstrationen in 14 Universitätsstädten die Kolumbianer daran erinnert, dass es nur einen friedlichen Weg und keine militärische Lösung gegen die Gewalt in allen Landesteilen gibt und das Abkommen mit den FARC ein wesentlicher Schritt in die Zukunft ist.

Denn die gesellschaftlichen Verwerfungen sind enorm, die der permanente Terror von Großgrundbesitzern, Paramilitärs, Guerrillas, Mafia, Polizei und Militär verursacht hat. 220.000 Ermordete, 30.000 Verschwundene, also ebenfalls Getötete, sind eine schwere Bürde. Hinzu kommen die 4 oder sogar 5 Millionen Kolumbianer, die von ihrem Stückchen Land, oft nur einem Acker, vertrieben wurden. Sie haben zumeist die städtischen Ballungszentren bevölkert und die bereits vorhandenen riesigen Armutsviertel vergrößert. Sie können auf Entschädigung, vielleicht sogar auf Rückgabe des ihnen geraubten Landes, zumindest auf Hilfe hoffen. Ihnen, den zahllosen Opfern, hat Präsident Santos seinen Preis gewidmet.

Auch die psychischen Folgen in einer vom Terror bedrohten und oft in Angst lebenden Bevölkerung sind groß. Die Hemmschwelle sinkt in einer Gesellschaft, in der die Gewalt zum Alltag gehört, in einem Land, in dem der Staat sich aus einzelnen Regionen zurückgezogen hat. Héctor Abad, Juan Gabriel Vázques und Evelio Romero haben dies in ihren auch auf Deutsch erschienenen Romanen beschrieben.

Deshalb gibt es zum Frieden in Kolumbien keine Alternative. Und einen gerechten Frieden, der alle Interessen berücksichtigt und alle Wunden schließt, gibt es ebenso wenig. Der Nobelpreis für Präsident Santos dürfte den Friedenswillen, d.h. die Kompromissfähigkeit, verstärken, denn die Welt schaut jetzt mehr denn je auf das Kolumbien. Und keine Seite wird am Schluss als Kriegstreiber dastehen wollen. Deshalb könnte dieser Friedenspreis für einen Politiker – im Gegensatz zu den meisten bisherigen politischen Würdigungen des Nobelpreis-Komitees – tatsächlich den Frieden befördern.

SÜDWESTRUNDFUNK – Journal am Abend – 8.10.16

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