Essayist Juan Villoro: Mexikos Grammatik des Schreckens

| Juan Villoro im Gespräch mit Peter B. Schumann |

Während der Präsidentschaftszeit von Felipe Calderón seien wahrscheinlich 80.000 Menschen getötet und 30.000 Menschen verschleppt worden, sagte der mexikanische Essayist Juan Villoro im DLF. Das noch Ende der 60er-Jahre große Vertrauen in die demokratische Idee sei gebrochen. Die Berufspolitiker seien „eine Katastrophe“. Veränderungen könnten nur die Bürger selbst erreichen.

Peter B. Schumann: Mexiko macht in der letzten Zeit besonders viele negative Schlagzeilen: der Verfall der politischen Kultur, die Drogenkartelle, die Gewalt des organisierten Verbrechens und im September 2014 der Mord an 43 Pädagogik-Studenten.

Vieles hängt unmittelbar miteinander zusammen und hat doch verschiedene Ursachen. Dar- über möchte ich mit Juan Villoro sprechen. Er gehört zur Nachfolge-Generation von Groß- meistern wie Carlos Fuentes oder Octavio Paz. Drei Romane sind von ihm auf Deutsch erschienen, erst im vergangenen Jahr „Das wilde Buch“, die wunderbare Geschichte eines Jungen, der zum Detektiv in der Bibliothek seines Onkels wird. Und dann gibt es noch den Kunstkenner Villoro. Er wollte mich zuerst auf zwei neue Museen aufmerksam machen, die typisch sind für eine bestimmte Entwicklung in der mexikanischen Kultur: das Soumaya und das Júmex. Sie liegen in Neu-Polanco, einem Viertel, in dem im vergangenen Jahrzehnt überall luxuriöse Shopping-Malls und gläserne Wohn- und Bürotürme gebaut wurden. Ich habe Juan Villoro zunächst gefragt, ob dieser Immobilien-Boom auf einer soliden Grundlage steht.

Villoro: Mexiko ist ein Land großer Gegensätze. Hier leben 15 Millionen Superreiche, das heißt, Personen, die sich jede Form von Luxus leisten können. Das ist ein riesiges Potenzial an Konsumenten, die neue Appartements, namhafte Boutiquen und Theater auf New Yorker Niveau verlangen. Der immense Widerspruch besteht darin, dass neben diesen 15 Millionen Reichen 50 Millionen Arme existieren, von denen rund 16 Millionen in extremer Armut leben. Polanco, wo wir uns befinden, war lange Zeit ein städtisches Ödland mit vielen Lagerhallen in der Nähe einer Bahnlinie. In den letzten Jahrzehnten hat es eine enorme Entwicklung erlebt in der für Mexiko typischen Art der Stadtplanung oder besser gesagt der chaotischen Nicht-Planung. Hier befindet sich das Liceo Frances, eine traditionsreiche zweisprachige Eliteschule, das Neue Aquarium, angeblich das größte Lateinamerikas, einegigantische Shopping Mall sowie die MuseenSoumaya und Júmex. Es gibt hier Ecken, die an das ländliche Mexiko vom Anfang des letzten Jahrhunderts erinnern, und andere, die vom dynamischen und etwas wahnwitzigen Wachstum zeugen.

Schumann: Manche dieser Einkaufszentren sehen äußerlich wie Kunsttempel aus oder sogar wie Pyramiden, es ist eine wilde Mischung von Herrschaftsarchitektur.

Villoro: Es gibt in diesem Viertel zwei Varianten von Herrschaft und Geldanlage. Auf der einen Seite Carlos Slim, der reichste Mann der Welt, dessen Reichtum durch eine Art von Vetternwirtschaft zustande gekommen ist. Anfang der 90er-Jahre übertrug ihm Präsident Salinas de Gortari das bis dahin staatliche Telefonmonopol. Es blieb trotz der Privatisierung konkurrenzlos, ein wohl einzigartiger Fall in einer Marktwirtschaft. Das war der entscheidende Schritt zu seinem heutigen Reichtum. Sein Schwiegersohn Fernando Rimero, ein Architekt und Schüler von Rem Koolhaas, machte ihm vor einigen Jahren den Vorschlag, ein Museum, das Soumaya, zu bauen: Es ist die Zurschaustellung von Geld einer neuen Plutokratie.

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Juan Villoro bei der Eröffnung der 2. Generalversammlung von Chronisten aus Estado de Puebla. Foto: Mayra Guarneros (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons.
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Schumann: Ich will es kurz beschreiben. Auf der weitläufigen Plaza Carso erhebt sich ein in der Mitte verschlankter Zylinder. Er ist mit einer Schuppenhaut aus gleißenden Aluminiumplatten überzogen, ein Solitär, in den der Besucher nicht einfach hineingeht, sondern zu dem er über eine breite Treppe emporsteigt. Carlos Slim wollte damit seiner verstorbenen Frau ein Denkmal setzen – und natürlich auch sich selbst.

„Plaza Carso ist ein konfuser Basar“

Villoro: Das Gebäude finde ich ziemlich kitschig und auch nicht sehr funktional. Die Sammlung ist ein konfuser Basar. Carlos Slim hat alles zusammengekauft, was er kriegen konnte, sogar Kopien, die als Originale gezeigt werden. Es ist ein Mischmasch, in dem ein Bild des Spaniers Murillo aus dem 17. Jahrhundert neben einer Skulptur von Rodin und einem Werk des Surrealisten Salvador Dalí hängt. Das macht alles keinen Sinn. Es gibt keine Auswahlkriterien, keinen Kunstgeschmack. Außerdem wird das Museum im Außenbereich fortgesetzt. In einem Garten stehen einige reichlich kitschige Skulpturen Dalís, der ein sehr unbeständiger, profitbewusster Künstler war. Der Garten ist wiederum der Zugang zu einem luxuriösen Einkaufszentrum, das ebenfalls Slim gehört. Es ist riesig und verbindet zugleich die dahinter liegenden Bürotürme mit der Straße vor dem Museum. Zu den Bürozeiten strömen die Angestellten durch dieses Monument des Konsums. Ihn kann sich nur keiner leisten, der dort arbeitet. Es ist eine maßlose Zurschaustellung von Reichtum.

Schumann: Das ist also die berühmte Slim-Kultur. Nun steht neben dem Soumaya am Rand des Platzes ein weiteres Museum: Das Júmex, in dem wir uns befinden. Es ist äußerlich gesehen ein Block aus sandfarbenem Stein, der in dem Umfeld gläserner Hochhausfassaden kaum in Erscheinung tritt. Juan Villoro, repräsentiert es die andere Form des Umgangs mit Geld, von der Sie gesprochen haben?

Villoro: Ganz willkürlich wurde hier im letzten Moment Zensur ausgeübt. Da hat man wieder mal gesehen, wie das Geld nach Laune entscheidet. Der Zensor war jedoch nicht der junge Unternehmer Eugenio López Alonso, der das Museum für seine Kunstsammlung hat erbauen lassen, sondern dessen Vater, der Chef des großen Saftkonzerns Júmex, der das Geld erwirtschaftet. Als er zufällig Bilder von Nitschs Werken sah, fand er sie einfach skandalös und sorgte für die sofortige Suspendierung der Ausstellung.

Schumann: Dieses Museum ist – verglichen mit dem Soumaya – von geradezu preußischer Schlichtheit. Es steht völlig im Dienst der Kunst. Juan Villoro, wann ist denn die Sammlung Júmexüberhaupt entstanden?

Villoro: Sie ist etwa 20 Jahre alt. Aber da sie auf zeitgenössische Kunst konzentriert ist, war es möglich, viele wichtige Stücke zusammenzutragen.

Schumann: Und auch viel lateinamerikanische Kunst.

Villoro: Sehr viel. Die Stiftung Júmex ist auch deshalb sehr interessant, weil sie viele junge Künstler fördert, ihnen Stipendien gibt und ihre Werke ankauft. So ist sehr viel mexikanische, lateinamerikanische und nordamerikanische Kunst vorhanden und natürlich auch Kunst aus Japan und Europa.

Es herrscht eine große Konfusion in der zeitgenössischen Kunst

Schumann: Welche Rolle spielen denn die privaten Kunstsammler heute in Mexiko? Sind sie für die Künstler genauso wichtig wie in den USA oder Europa?

Villoro: Gegenwärtig herrscht eine große Konfusion in der zeitgenössischen Kunst. Ich habe gerade ein Buch darüber geschrieben und mich darin auch mit den schwer einzuschätzenden Wirtschaftsfragen beschäftigt. Es gibt sehr viel Geld in diesem Markt, sehr viel oft nicht gerade sauberes Geld, denn der Kunstmarkt wird gern zur Geldwäsche benutzt.

Es wird überhaupt mit Kunst international sehr viel spekuliert. Der Marktwert der Künstler, auch der mexikanischen, hängt davon ab, ob sie in der Tate Gallery in London oder im Guggenheim in New York ausgestellt werden. Daraus entsteht ein internationales Preisgefüge und eine kaum zu überschauende Käuferschaft. Die Künstler wissen oft nicht, wer sich ihre Werke angeschafft hat. In Mexiko gibt es nur einen Privatsammler, der sich der zeitgenössischen Kunst wirklich verschrieben hat: Eugenio López Alonso von Júmex.

Schumann: Der Schriftsteller Juan Villoro ist nicht nur ein ausgezeichneter Kunstkenner. Er mischt sich auch als engagierter Intellektueller mit politischen Analysen und Kommentaren ins Zeitgeschehen ein. So hat er erst vor Kurzem in einem Manifest zusammen mit rund 200 Intellektuellen und Künstlern die Regierung aufgefordert, endlich die Morde an den 43 Pädagogik-Studenten restlos aufzuklären. Polizisten hatten sie im September 2014 verschleppt und an eine Mafiaorganisation ausgeliefert, die sie schließlich umgebracht hat. Gegen diesen Massenmord haben damals Zehntausende von Mexikanern im ganzen Land wochenlang demonstriert.

Nach wie vor zweifelt auch ein Großteil der Bevölkerung an der Fähigkeit der Regierung, die Gewalt im Land einzudämmen. Über die Hintergründe und Folgen möchte ich im weiteren Verlauf des Gesprächs mit Juan Villoro sprechen.

Mexiko ist nicht nur berühmt für die Hochkultur der Azteken, sondern es ist auch in den letzten Jahren für die Kultur der Gewalt und des Todes bekannt geworden. Hat sie mit dem Massaker von Ayotzinapa einen neuen Höhepunkt erreicht?

„Im Mexiko besitzt das Leben keinen Wert“

Villoro: Manchmal überrascht es uns Mexikaner immer noch, dass unsere Vorfahren, die Azteken und Mayas, Menschenopfer dargebracht haben. Sie haben unser höchstes Gut, das Leben, geopfert. Auch wenn es verwerflich ist, einen Menschen in einem heiligen Ritual zu tö- ten, hatte diese Art von Zeremonie einen Sinn nach der Logik der Azteken und Mayas: Sie wollten damit die Götter friedlich stimmen, denn die Welt mit ihren Erdbeben, Wirbelstürmen, Seuchen, Trockenheiten empfanden sie als bedrohlich. Und es entsprach ihrer Logik, das Teuerste, das sie besaßen, das Leben ihrer Lieben, zu opfern. Ich erwähne dies angesichts der ungeheuren Zahl von Morden in meinem Land.

Im Mexiko von heute, das wir für so modern halten, besitzt das Leben keinen Wert mehr, hat der Tod keinen Sinn. Während der sechs Regierungsjahre des letzten Präsidenten Calderón kamen wahrscheinlich 80.000 Menschen um, und es verschwanden weitere 30.000. Die Zahlen steigen ständig, sobald neue Massengräber entdeckt werden. Das Leben besitzt heute keinen Wert, es wird sinnlos getötet.

Schumann: Die Mexikaner müssten doch inzwischen an diesen täglichen Horror gewöhnt sein. Wieso hat sie das Massaker an den Studenten von Ayotzinapa derart aufgeschreckt?

Villoro: Aus verschiedenen Gründen. Die Mexikaner haben die Gewalt satt und reagierten zunächst spontan mit einem Akt der Selbstverteidigung. Viele glaubten lange Zeit, die Gewalt konzentriere sich auf jene, die mitten in diesem Konflikt steckten. Das ist eine natürliche Reaktion. Doch allmählich haben wir alle Freunde oder Angehörige, die überfallen, entführt oder sogar ermordet wurden. In dieser Stimmung des allgemeinen Überdrusses geschah Ayotzinapa, noch dazu ein Mord an künftigen Lehrern, der Hoffnung des Landes. Junge Leute wurden getötet, die etwas verändern, die Lesen und Schreiben in den ärmsten Gegenden lehren wollten.

Außerdem war es die Polizei, die sie zunächst verhaftet und dann an eine Gruppe des organisierten Verbrechens ausgeliefert hat. Diese totale Komplizenschaft zwischen Polizei und Drogenmafia führte zu dem Aufschrei: So darf es nicht weitergehen.

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Demonstration nach zwei Jahren des Verschwinden von 43 Studenten in Ayotzinapa. Foto: PetrohsW (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons.

„Mexiko hat eine Grammatik des Schreckens“

Schumann: Doch es heißt auch, dass das anschließende Verschwindenlassen der Opfer nicht der Stil der Mafia sei, denn normalerweise stellen sie ihre Leichen demonstrativ zur Schau.

Villoro: Das ist die große Frage. In Mexiko gibt es eine Grammatik des Schreckens. Es gibt Morde mit der Unterschrift des Urhebers. Bestimmte Banden wollen an ihren Untaten erkannt werden. Es gibt klare Codes, durch die das organisierte Verbrechen zweimal zuschlagen will: Durch die eigentliche Tat und durch die Schlagzeilen, die über die Medien verbreitet werden und mitunter Panik verursachen. Das macht sie stark und identifizierbar.

Schumann: Trifft diese „Grammatik des Terrors“ auch auf Ayotzinapa im Bundesstaat Guerrero zu?

Villoro: Im Staat Guerrero ist das anders. Er ist einer der ärmsten, mit größter sozialer Ungerechtigkeit, sehr unterentwickelten ländlichen Regionen, einem hohen Bildungsrückstand und einer sehr langen Tradition sozialer Kämpfe. In den 1950er-Jahren gab es bereits starke Aufstandsbewegungen.

Schumann: Guerrilla-Bewegungen?

Villoro: Zuerst zivile Landarbeiter- und Lehrer-Bewegungen. Sie versuchten auf friedlichem und politischem Weg, Änderungen durchzusetzen. Nachdem sie nichts anderes als Repression erlebten, radikalisierten sie sich und gingen zum Guerrilla-Kampf über. Einer ihrer Anführer war Lehrer an der pädagogischen Landschule von Ayotzinapa. In Guerrero haben wir also eine ganz besondere Situation: Viel Armut, Zusammenarbeit von lokalen Kaziken und skrupellosen Politikern mit dem organisierten Verbrechen und andererseits einen entschiedenen Widerstand von Landarbeitern und Lehrern.

„Wahlen verlaufen in Mexiko nicht sauber“

Villoro: Die Situation ist ganz verschieden. 1968 gab es hier ein autoritäres Regime und keine wirkliche Demokratie. Und die Hauptforderungen der Studentenschaft bestanden in folgenden Punkten: Beachtung der Verfassung, öffentlicher Dialog mit dem Präsidenten, demokratische Fortschritte. Die Ziele waren also sehr moderat. Dennoch hielt sie die Regierung für so bedrohlich, dass sie die Demonstration vom 2. Oktober 1968 blutig niederschlagen ließ. Inzwischen hat hier eine weitreichende demokratische Entwicklung stattgefunden. Die Wahlen werden überwacht, es gibt Wettbewerb zwischen den Parteien –

Schumann: – und Wahlfälschung …

Villoro: … und viele Unregelmäßigkeiten, viel Manipulation, die Wahlen verlaufen nicht sauber, aber die Demokratie hat sich weiterentwickelt. Doch nun sind neue Gruppen in die Politik gelangt, was zu positiven Veränderungen hätte führen können. Tatsächlich vermehrten sich dadurch Korruption und Straflosigkeit. Denn alle Parteien machten in der neuen Demokratie das, was ihnen die PRI jahrzehntelang vorgeführt hatte: Sie verwechselten das Öffentliche mit dem Privaten.

Die einfachste Art, in Mexiko Geschäfte zu machen, besteht darin, politische Beziehungen zu pflegen. Hier braucht man keine unternehmerischen Qualitäten, sondern politische Gunst, um Erfolg zu haben. Als der Zugang zur Politik demokratisiert wurde, vervielfachte sich die Korruption, nicht aber das System der Kontrolle. Das ist wirklich beschämend.

Heute ist das Ansehen aller Parteien auf dem Tiefpunkt angelangt, denn alle haben Korruptionsskandale hinter sich. 1968 besaßen wir dagegen großes Vertrauen in die demokratische Idee. Heute müssen wir feststellen, dass der demokratische Prozess nicht ausgereicht hat. Die Politik muss erneut geändert werden, und die Bürgerschaft muss die Berufspolitiker kontrollieren, denn sie sind eine Katastrophe.

„Drogenhandel und Korruption sind Teile des gleichen Problems“

Schumann: Sind Korruption und Straflosigkeit für die Zukunft Mexikos die größte Gefahr oder ist die Verstrickung von Politik und Kapital mit dem organisierten Verbrechen noch gefährlicher?

Villoro: Das sind zwei Teile eines Ganzen. Das organisierte Verbrechen beruht auf einer illegalen Operation, die früher oder später legalisiert wird. Niemand würde mit Drogen handeln, wenn er dafür nicht Hotels, Restaurants, Eigentumswohnungen kaufen und das Geld so wieder in einen legalen Kreislauf bringen könnte.

Das alles basiert auf Korruption. So gibt es Häuser, die mit Drogengeld gekauft wurden, und andere wie die acht Millionen teure Villa der Frau unseres Präsidenten, die ihr der Fernsehkonzern Televisa schenkte. Ein Geschäft, das auf Vetternwirtschaft beruht, also auf Korruption, denn natürlich erwartete Televisa dafür Vergünstigungen durch die Regierung. Das sind lediglich zwei verschiedene Formen von Straftaten. Der Drogenhandel und die Korruption sind Teile des gleichen Problems.

Schumann: Das politische System Mexikos gilt als eines der korruptesten in Lateinamerika. Können Sie dafür ein typisches Beispiel nennen, Juan Villoro?

Villoro: In Mexiko werden beispielsweise Unternehmern, die der Regierung zu Diensten sind, die Steuern erlassen. Wenn einem Präsidenten Geld von einem Unternehmer geschenkt wird, erlässt dieser ihm dafür Steuern. Es gibt hier große Unternehmen, die zwei Prozent Steuern bezahlen, während wir unabhängigen Bürger 35 Prozent bezahlen müssen.

Die Drogenmafia hat zwar durch die damit verbundene Gewalt direktere Auswirkungen auf die Gesellschaft. Dennoch glaube ich, dass die weitverbreitete Korruption und die damit verbundene Straflosigkeit das wahre Krebsgeschwür in der mexikanischen Gesellschaft darstellen.

Schumann: Aber deshalb hat Präsident Peña Nieto doch große Reformen angekündigt, die all dies beseitigen sollen?

Villoro: Nehmen wir nur die neue Energiereform. Damit sollen ausländische Investitionen angelockt werden, um die sehr teure Ölförderung in der Tiefsee zu finanzieren. Aber es gibt überhaupt keine Kontrollmechanismen, die Missbrauch verhindern. Eine kleine diskrete Gruppe von Leuten entscheidet darüber, was für Investitionen wie durchgeführt werden. Das öffnet der Korruption Tür und Tor. Wir stehen also vor einer Politik, die theoretisch für neue Wirtschaftsdynamik sorgen will, jedoch gleichzeitig neue Korruptionsmöglichkeiten bietet. Das ist das Schlimme in diesem Land.

„Wir erleben Niedergang der Hoffnung“

Schumann: Weshalb hat der Demokratisierungsprozess im letzten Jahrzehnt die alten Probleme nicht beseitigt oder gemindert? Als im Jahr 2000 die PRI endlich durch die PAN von ihrer jahrzehntelangen Alleinherrschaft verdrängt wurde, sagte mir der von uns beiden viel bewunderte Carlos Fuentes: „Jetzt bricht eine neue Zeit an!“ Aber wir sehen heute, dass eher das Gegenteil geschehen ist.

Villoro: Für besonders schlimm halte ich die Krise der Hoffnung. Einem Land kann es sehr schlecht gehen, aber solange die Menschen an die Zukunft glauben, ertragen sie alles Übrige leichter. Gegenwärtig erleben wir jedoch einen Niedergang der Hoffnung. Wir glaubten, dass die Demokratie wie mit dem Zauberstab alle Probleme lösen würde, wenn die PRI nach 71 Jahren an der Macht abtreten müsste. Dabei lösten sich jedoch Ordnungsstrukturen auf, die nicht so leicht durch eine neue effiziente Ordnung zu ersetzen waren. Es geschah etwas Ähnliches wie in Russland, wo der KGB in der russischen Mafia aufging. In Mexiko schlossen sich viele Sicherheitskräfte, die von der PRI beherrscht wurden, dem Drogenhandel an.

Schumann: Haben die Mexikaner zu sehr den sogenannten Selbstheilungskräften der Demokratie vertraut?

Villoro: Die Teilhabe an den politischen Entscheidungsprozessen wurde nicht verbessert. Wir haben kein parlamentarisches, sondern ein präsidiales System. Die Kabinettsmitglieder sind lediglich dem Präsidenten verantwortlich und können vom Parlament nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Wir haben auch keine wirkliche Gewaltenteilung, zum Beispiel keine unabhängige Justiz. Viele Richter sind korrumpierbar, und viele Fälle werden politisiert, um die gewünschten Entscheidungen herbeizuführen.

Schumann: Und deshalb waren auch die beiden auf die PRI folgenden Regierungen der PAN ein einziger Misserfolg.

Villoro: Viele Leute hatten sogar wieder Sehnsucht nach der PRI, nach der Rückkehr der alten Ordnung. Ich will es mal in dem Bild von dem Vater zusammenfassen, der sein Kind schlägt, es beleidigt, es misshandelt, aber ihm auch Geld gibt, es beschützt, ihm hilft. Und deshalb nimmt es dies alles in Kauf. Octavio Paz hat dafür eine perfekte Formel gefunden: „der philantropische Menschenfresser“. Die PRI ist ein Monstrum, das Wohltaten verteilt. Auf der Straße waren sogar Sprüche zu hören wie: „Die PRI verstand wenigstens zu stehlen.“ Das heißt: Sie hat sich zwar die Taschen vollgestopft, aber auch was abgegeben. Oder anders gesagt: Sie besaß sowohl Talent für die Lösung sozialer Probleme als auch für den Umgang mit der Korruption. Und die PAN verstand nur etwas von Korruption.

„Calderón hat falsche Politik gemacht“

Schumann: Während der Regierungszeit der PAN im letzten Jahrzehnt stiegen die Gewalt und die Zahl der Toten astronomisch an. War das nur eine Folge falscher Politik?

Villoro: Vor allem während der Präsidentschaft von Felipe Calderón ist das geschehen. Er begann mit dem Krieg gegen die Drogenmafia und ihre Kartelle und er führte sich dabei wie jemand auf, der in einer Pulverkammer nachsieht, ob noch ausreichend Pulver vorhanden ist und dazu ein Streichholz anzündet. Er hatte jedoch auch sehr viele Feinde innerhalb des politischen Systems, das seit Langem vom organisierten Verbrechen unterwandert ist.

„Studenten-Morde wurden zu einem nationalen Fall“

Schumann: Kommen wir noch mal zu den Studenten von Ayotzinapa zurück. Mich hat der massive Protest der Bevölkerung sehr überrascht. Kulminierte darin der aufgestaute Unmut über eine gescheiterte Politik?

Villoro: Es gab sehr bewegende Reaktionen. Die Zivilgesellschaft vereinte sich in einer Art „Republik des Gefühls“. Es meldeten sich viele höchst unterschiedliche Leute zu Wort: Schauspielerinnen von Telenovelas, Fußballer, Priester und so weiter. Der Mord wurde zu einem nationalen Fall und auch international sehr beachtet. Und was tat der Präsident? Statt Selbstkritik zu üben, den Weg für den Dialog frei zu machen, politische Entscheidungen zu modifizieren, sich mit Ayotzinapa zu solidarisieren – so wie das in Paris Präsident Hollande im Fall von Charlie Hebdo gemacht hat – zeigte unser Präsident nicht die geringste Betroffenheit. Er ging lieber Golf spielen und reiste dann nach China, denn er lebt wie in einer Telenovela. Er kapselte sich ab und spekulierte darauf, dass sich die Bürgerbewegung erschöpfte.

Schumann: Welchen Beitrag haben eigentlich die Intellektuellen damals in der Protestbewegung geleistet? Was hat beispielsweise Juan Villoro getan?

Villoro: Ich bin nicht nur Schriftsteller, sondern auch Journalist und habe an Demonstrationen gegen die Ermordung von Journalisten in Veracruz teilgenommen, wo sie am häufigsten umgebracht werden. Ich habe mich an vielen Aufklärungskampagnen beteiligt und versuche, zusammen mit einer Gruppe von Intellektuellen eine Bürgerbewegung für juristische Veränderungen ins Leben zu rufen. Wir wollen zum Beispiel dafür sorgen, dass die Abgeordneten ihre Besitztümer offenlegen und die Minister auch vor dem Parlament Rechenschaft ablegen müssen. Außerdem war ich am 26. September im Bundesstaat Guerrero, also dort, wo die Studenten ermordet wurden, und habe sofort angefangen, darüber zu schreiben. Bei allen öffentlichen Auftritten in Mexiko oder im Ausland spreche ich darüber. Doch wir werden nichts wirklich verändern können, so lange wir nicht über eine Plattform für die Bürgergesellschaft verfügen.

Schumann: Gibt es bereits erste Versuche, sie zu gründen?

Villoro: Es gibt erste, verstreute Ansätze, die zusammenfinden müssen. Wir müssen uns jetzt auf wenige klare Ziele verständigen und gemeinsam für eine Demokratie mit neuen Spielregeln, mit neuen Formen der politischen Beteiligung eintreten. Wenn es gelänge, auf diese Weise eine Kultur der Legalität zu schaffen, dann hätten wir eine andere Form von Politik mit neuen politischen Angeboten erreicht. Doch zuerst heißt es, die politische Beteiligung zu verbreitern, die Politik für die Bürgergesellschaft zu öffnen.

Deutschlandfunk 26.07.2015

Quelle des Titelbildes: PetrohsW (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons.

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