Brasilien 1968

Das Jahr, in dem die politische Zensur die Populärmusik entdeckte

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Eine Veranstaltung der „Freunde des IAI“

Nach dem Putsch im Jahr 1964 hatte das brasilianische Militär die populäre Musik des Landes noch eine ganze Weile nicht auf dem Radar. Vielmehr begrüßte es die lukrative Entwicklung in der Musikindustrie in Form eines wachsenden Schallplattenmarkts. Zumal sich die steigenden Verkaufszahlen der Beliebtheit von Musikshows in kommerziellen Fernsehkanälen verdankten, die sich keineswegs der politischen Opposition verdächtig machten.Diese privaten Sender riefen 1965 die Era dos Festivals ins Leben – die Blütezeit der landesweit ausgestrahlten nationalen Musikwettbewerbe, die zum Sammelbecken neuer musikalischer Strömungen wurden und Musikern vom Format eines Chico Buarque,  Gilberto Gil, Caetano Veloso und Milton Nascimento zum Durchbruch verhalfen. Durch den Live-Charakter dieser Festivals waren Ablauf und Ausgang der Wettbewerbe jedoch nur bis zu einem gewissen Grad zu kontrollieren.  Denn zum einen war sich das Publikum seiner Macht auf die Entscheidungen der Jury sehr wohl bewusst und buhte Stücke, die nicht seiner Auffassung von Qualität entsprachen, gnadenlos aus. Zum anderen gingen aus den Festivals Musikbewegungen wie die Musica Popular Brasileira und der Tropicalismo hervor, die eine Form des Widerstands gegen die politische Repression darstellten. Im Widerhall der weltweiten Jugendprotestbewegungen entlud sich der Frust über die politische Ohnmacht aber auch abseits der Festivals auf der Straße und führte am 28. März 1968 zur Erschießung eines Studenten.  Die Studentenschaft organisierte daraufhin im Juni den ‚Marsch der Hunderttausend‘ durch Rio, an dessen Spitze Künstler, Intellektuelle und Musiker mitmarschierten. Darunter auch die populärsten Vertreter der neuen musikalischen Strömungen. Da zu diesem Zeitpunkt die politische Opposition schon vollends ausgeschaltet war, benötigte das militärische Regime nun nicht einmal mehr den bloßen Schein einer demokratischen Fassade und konnte mit harter Hand durchgreifen.  Noch im gleichen Jahr erließ es den sogenannten Institutionellen Akt Nr. 5 (AI-5), mit dem ab sofort alle Kundgebungen untersagt, die Verfassung außer Kraft gesetzt und das Parlament geschlossen wurden. Mit dem AI-5  setzte die Zensur der brasilianischen Musik ein. Kritische Lieder wie Caminhando, das Geraldo Vandrés noch 1968 auf dem 3. Festival Internacional da Cancão Popular präsentieren konnte, waren nunmehr verboten. Wie viele andere Musiker musste auch Vandrés das Land verlassen.

Der gesellschaftlichen Bedeutung, die die Festivals als Ort des Widerstands während der Diktatur hatten, widmet sich inzwischen eine Reihe von Arbeiten und Publikationen – auch im deutschsprachigen Raum.* 2004 hat Fernando Faro außerdem den Dokumentarfilm MPB nos tempos da Repressão gedreht, in dem die unter der Militärdiktatur verfolgten Sänger zu Wort kommen.

Weniger gut erforscht sind die Dokumente in den staatlichen Archiven, die Aufschluss darüber geben, nach welchen Kriterien politische Zensur konkret verfuhr. Dieser Frage ging nun der Brasilianist und Musikologe Dr. Vinicios de Carvalho (King’s College, London) nach. Anhand der Archivdokumente, die mit den verbotenen Liedern in Zusammenhang stehen (zum Beispiel mit Buarques Apesar de Você oder mit Calice, dem Lied, das Buarque gemeinsam mit Gilberto Gil schrieb) untersucht Vinicios de Carvalho, ob sich in der Zensur der brasilianischen Militärs ein methodisches Verfahren erkennen lässt oder ob sie auf subjektiven Kriterien beruhte.

Brasilien: Musik unter der Diktatur | Vortrag von Vinicios de Carvalho | Moderation: Peter B. Schumann |Donnerstag, 6.12.2018, 18.00 Uhr | Simón-Bolívar-Saal, Ibero-Amerikanisches Institut, Potsdamer Straße 37, 10785 Berlin | Sprache: deutsch | Eintritt frei

Mit Vinicios de Carvalhos Vortrag über die brasilianische Musik unter der Diktatur endet die von den Freunden des IAI veranstaltete Brasilien-Reihe.  

*zum Beispiel Carsten Heinke: „Das TV-Festival als Bühne des Protests und der Innovation. Die brasilianischen Musikfestivals 1965-1972″ in Dietrich Helms und Thomas Phleps (Hrsg.)“Keiner wird gewinnen. Populäre Musik im Wettbewerb“: 83-100. Siehe auch Ulla Ebners Hörfunkbeitrag: „Brasiliens Musik unter der Militärdiktatur“  im Radiokolleg des ORF 1

Foto: Gilberto Gil nos anos 1960.tif  Quelle: Wikimedia Commons. Arquivo Nacional (Brasil). Dominio publico.

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