Nicaragua-Protestbewegung setzt auf Kultur statt Ideologie

Im politischen Feuilleton des Hörfunksenders Deutschlandfunk Kultur kritisierte der Journalist Reinhard Mohr vor einigen Wochen das „dröhnende Schweigen der Linken“ zu dem Drama in Nicaragua, wo der einst berühmteste Vertreter der sandinistischen Revolution und heutige Präsident, Daniel Ortega, inzwischen selbst zum Unterdrücker wurde und auf den Protest im Land mit Gewalt und Terror reagiert. In großen Teilen der traditionellen Linken sei die Unterstützung des Ortega-Regimes ungebrochen, behauptet Mohr in seinem Beitrag. Auch im linksgrünen Milieu sei keine Solidarität mit Protesten zu entdecken, die bereits hunderte Tote und tausende politische Gefangene verzeichneten. Und selbst in der bürgerlichen Presse fände sich kaum etwas zu lesen über das Drama, das sich in Nicaragua seit Monaten abspielt. Was den letzten Punkt angeht, so könnte man erwidern, dass dies an sich mehr über die im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit schwindende Bedeutung Lateinamerikas aussagt als über die mangelnde Fähigkeit des Nicaragua-Solidaritäts-Netzwerks, dem Denken in ideologischen Lagern abzuschwören und sich mit der protestierenden Zivilbevölkerung Nicaraguas zu solidarisieren. Denn zum einen ist genau das bereits passiert – dank jahrzehntelang gewachsener Strukturen im Bereich der Zusammenarbeit mit zahlreichen Basisbewegungen in Nicaragua; zum anderen sind auch Teile der  „traditionellen Linken“ über ihre nicaraguanischen Partnerorganisationen von Ortegas Repressionsmaßnahmen mittelbar betroffen.

Dass Nicaragua schon länger nicht mehr medial en vogue ist,  heißt nicht, dass sich das Interesse an diesem Land zusammen mit den Zeitgeist-Wolken der Solidaritätskundgebungen vor langer Zeit verflüchtigt hätte. So erwiesen sich zum Beispiel die beiden Gesprächsrunden, die die „Freunde des IAI“ zur gegenwärtigen politischen Situation in Nicaragua veranstaltet haben, als ausgesprochene Besucher-Magnete (siehe da und dort). Nur haben sich sowohl die Nica-Aktivisten wie auch die Ausdrucksformen ihrer Aktionen gewandelt.  Diejenigen, die sich heute mit  dem zivilen Widerstand in Nicaragua solidarisieren, entstammen nicht mehr  – wie Mohr selbst – einem rein deutschen AStA-Milieu. Heute sind es in Deutschland lebende Nicaraguaner*innen, die die Initiative ergreifen und Solidaritätsarbeit leisten.  Zum Beispiel gründeten sie SOS Nicaragua-Deutschland; ein Netzwerk, das mittels Veranstaltungen (in ganz Europa) über die politische Lage in Nicaragua aufklärt und dabei, anders als die Nicaragua-Solidaritätsbewegten der ersten Generation, von jeglicher parteipolitischer Vereinnahmung Abstand nimmt.

In Nicaragua hat sich der Widerstand  inzwischen von der Straße in den Bereich der Kultur verlagert, die als Ort des Widerstands zunehmend in den Fokus des Regimes gerät. Was auch dem gerade im Deutschlandfunk ausgestrahlten Nicaragua-Beitrag von Peter B. Schumann („Freunde des IAI“) zu entnehmen ist, wo die gefährliche Situation der nicaraguanischen  Kulturschaffenden von dem in Berlin lebenden und bestens mit der Protestbewegung vernetzten nicaraguanischen Politikwissenschaftler Luis Carlos Kliche Navas geschildert wird. Wie der zivile Protest in Managua, so greift inzwischen auch die Nicaragua-Solidaritätsbewegung in Deutschland kulturelle Ausdrucksformen des Protests auf. Love is stronger than Ortega’s hate – prangt auf dem Transparent einer Teilnehmerin der Christopher-Street-Day-Parade in Berlin, bei der im vergangenen Jahr SOS Nicaragua mit eigenem Banner dabei war.  Im Fotovergleich wirkt die historische Aufnahme einer Solidaritätskundgebung, mit der Reinhard Mohrs politischer Feuilleton-Einwurf auf der Website des Deutschlandfunks illustriert wird,  bei weitem politischer. Doch der Rahmen, den die Aktivist*innen von SOS Nicaragua wählten, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen, ist es in Wirklichkeit nicht weniger. Erinnert der Christopher Street Day doch an den ersten Aufstand im Jahr 1969 gegen die New Yorker Polizeiwillkür, die sich regelmäßig bei Razzien in Kneipen mit homosexuellem Publikum entlud. Besonders betroffen von der Polizeigewalt waren neben Afroamerikanern vor allem Latinos. Mit Aktionen wie ihrem Auftritt beim CSD stellen die Aktivisten von SOS Nicaragua ihre Solidaritätskampagne mit dem zivilen Widerstand in Nicaragua in den globaleren Kontext der Geschichte des Kampfes gegen Rassismus und Diskriminierung.

 

Fotoquelle: Wikimedia Commons. LOVE is stronger than Ortega’s hate – Freies Nicaragua für alle – #sosnicaragua. Seen at 40th Christopher Street Day in Berlin, July 2018. Author: Mutter Erde

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