Übersetzer aus Berufung

Curt Meyer-Clason und seine Metamorphose vom Kaufmann zum Wegbereiter lateinamerikanischer Literatur 

Curt Meyer-Clason (1910-2012) war im deutschen Literaturbetrieb der erste, der die literarische Wucht lateinamerikanischer Prosa erkannte. Seine Erstübersetzungen sorgten dafür, dass brasilianische Romane schon vor dem Boom der 1970er und 80er Jahre in Deutschland zu lesen waren. Dabei war ihm ein Leben als Wegbereiter lateinamerikanischer und portugiesischer Literatur nicht in die Wiege gelegt. 1910 in Ludwigsburg in eine kaisertreue Offiziersfamilie hineingeboren, brach Meyer-Clason in den 1930er Jahren nach Brasilien auf, wo er mit Baumwolle, Reis, Mais, Zucker und Öl handelte. Der junge Kaufmann sprach perfekt Englisch, nach seiner Ankunft in São Paulo lebte er in einer englischen Pension, spielte Tennis und verkehrte in den besten Gesellschaftsclubs der Stadt. Dann die (von ihm 1986 in seinem autobiographisch gefärbten Roman Äquator beschriebene) Zäsur: In Europa wütet der Zweite Weltkrieg. Brasilien bricht 1942 die Beziehungen zu Deutschland ab und interniert im Land lebende Deutsche und Deutschstämmige auf der Ilha Grande, der ehemaligen Gefängnisinsel des Staates Rio de Janeiro. Dort, so erzählt es Meyer-Clason später,  lernt er einen Mithäftling kennen: Gerd von Rhein, ein Emigrant aus Deutschland, der ihn in die Weltliteratur einweiht. Zum ersten Mal liest der Kaufmann die Werke von Plato bis Proust. Als Meyer-Clason Mitte der 1950er Jahre nach Deutschland zurückkehrt, läßt er sich in München nieder und beginnt als freiberuflicher Lektor und Übersetzer zu arbeiten. Er nimmt, was ihm angeboten wird, besucht die Veranstaltungen des brasilianischen Generalkonsulats. Bei einem Abendessen im Haus des Konsuls fragt er einmal nebenbei: „Was gibt’s denn so in der brasilianischen Literatur?“ Die Antwort: „Da ist ein gewisser Joao Guimaraes Rosa, der soll etwas Besonderes schreiben, schwerverständlich, voller neuer Wörter.“ Es handelt sich um Joao Guimaraes Rosas Meisterwerk Grande Sertão, das 1964 in der Übersetzung von Meyer-Clason in Deutschland erscheinen wird.

Joao Guimaraes Rosa entdeckte Curt Meyer-Clason als Ersten der großen brasilianischen Romanciers für Deutschland. Jorge Amado, Carlos Drummond de Andrade und andere folgten. Und alle blieben sie ihrem Mentor und Übersetzer lebenslang in tiefer Freundschaft verbunden.

Im Jahr 1969 – er war knapp sechzig – begann noch einmal ein neuer Lebensabschnitt: Meyer-Clason wurde Leiter des Goethe-Instituts in Lissabon. In Portugal, dem Land am Rande Europas, dessen Bevölkerung unter der Salazar-Diktatur litt,  schaffte er einen Ort, an dem ein freies Gespräch über Grenzen hinweg möglich wurde.  Zum Kulturaustausch mit portugiesischen Kunst- und Kulturschaffenden, Dichtern und Journalisten lud er Schriftsteller und Künstler aus dem deutschsprachigen Raum ins Goethe-Institut nach Lissabon ein: Günther Grass folgte der Einladung  ebenso wie Thomas Bernhard, Tankred Dorst, Hans Magnus Enzensberger, Werner Herzog, Heinrich Böll und Martin Walser.

Der Publizist, Übersetzer und Autor war eine Persönlichkeit im deutschen Literaturbetrieb. Er erhielt den Übersetzerpreis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, die Medaille ‚München leuchtet‘ und die ‚Wilhelm-Hausenstein-Ehrung für Verdienste um kulturelle Vermittlung‘ der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Auch in Brasilien wurde er für seine Lebensleistung gewürdigt.  Die brasilianische ‚Akademie für Sprache und Dichtung‘ verlieh ihm die Medaille ‚Machado de Assis‘. Die Nationalbibliothek Rio de Janeiro bedachte ihn mit ihrem Übersetzerpreis.

In den 1990er Jahren wertete ein Forscherteam an der Universität von São Paulo Polizei-Dossiers und Vernehmungsprotokolle aus der Kriegs- und Nachkriegszeit aus. Unter den Dokumenten fanden sich auch Polizeiunterlagen, die  Curt Meyer-Clason der Spionage für die Nazis verdächtigten. Die Polizei behauptete, dass Meyer-Clason schon bei seiner Ankunft in São Paulo 1936 in die örtliche NSDAP-Niederlassung eingetreten sei. Das belastende Material war in der Welt, wenn auch in  den Beständen des Bundesarchivs, des ehemaligen Berlin Document Center, nichts über eine etwaige Mitgliedschaft in der NSDAP vorliegt.* Curt Meyer-Clason selbst verwies auf seinen autobiografischen Roman, in dem er selbstreflektierend und selbstfiktionalisierend „Verfehlungen, die Geschichte geworden sind“ verarbeitete – so die Formulierung des Lusitanistenverbands in der lesenswerten Würdigung zum 100. Geburtstag des Übersetzers.

Curt Meyer-Clason wurde 102 Jahre alt. Sein gut dokumentiertes Jahrhundertleben liefert der literaturwissenschaftlichen  Forschung gleich dreier Länder eine Fülle an Material.

Anhand von Beispielen aus Curt Meyer-Clasons Nachlass, der sich im Archiv des IAI befindet, sowie seiner bedeutendsten Übersetzungen und autobiographischen Erzählungen wird Dr. Douglas Pompeu (Deutsches Literaturarchiv Marbach) am Donnerstag, den 14.2. 2019, in einem Vortrag im IAI den intellektuellen Werdegang des Übersetzers rekonstruieren, ohne die Zeichen der Insel, der Reise, des Totalitarismus, des Verdachts und der Fiktion außer Acht zu lassen.

| Curt Meyer-Clasons Insel-Dasein: die Übersetzung als Form des Sich-selbst-Erzählens| Ein Vortrag von Douglas Pompeu | Donnerstag, 14.2.2019
17.00 h, Konferenzraum | Ibero-Amerikanisches Institut |

Sprache deutsch | Eintritt frei

Bild: Curt Meyer-Clason (rechts) mit dem brasilianischen Romancier Jorge Amado (1988). ©Sylvio Heufelder /Sammlung IAI

 

*siehe Spiegel-Artikel: Mit unsichtbarer Tinte. 26.1.1998

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