Ikonografie einer Reise

In den Jahren 1817 bis 1820 reisten der Botaniker Carl Friedrich Philipp Martius und der Zoologe Johann Baptist von Spix im Auftrag von Maximilian Joseph I., König von Bayern, drei Jahre lang durch das noch weitgehend unerforschte Brasilien.  Nicht Gold und Machthunger trieben sie an, sondern wissenschaftlicher Erkenntnisdrang im Geiste Humboldts, dem die Einreise siebzehn Jahre früher von der portugiesischen Kolonialregierung noch verweigert wurde. Die Situation änderte sich erst, als der portugiesische Hof zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach Brasilien übersiedelte und die Grenzen öffnete.

Nach ihrer Rückkehr in die Heimat begannen Martius und Spix ihre Brasilien-Expedition in einem umfassenden wissenschaftlichen Werk aufzuarbeiten. Zwischen 1823 und 1831 publizierten sie ihren Bericht:  Reise in Brasilien, drei Bände von insgesamt fast 1400 Seiten, denen als lose Blätter Atlaskarten beigelegt wurden, auf denen der Verlauf der zurückgelegten 10.000 Kilometer nachgezeichnet war. Aber auch mehrere Dutzend Lithografien mit Abbildungen von brasilianischen Landschaften, Szenen dörflichen Lebens und festlichen Maskenumzügen sowie Porträtzeichnungen von Angehörigen indianischer Kulturen wurden beigefügt; außerdem eine musikalische Sammlung autochthoner Melodien. In der Verbindung von ganzheitlich-wissenschaftlicher Annäherung an die zu erforschenden Kulturen und ihrer ästhetischen Betrachtung erreichte das Gemeinschaftswerk der beiden Forscher nach allgemeinem Urteil Humboldt’sches Format.
Eine Auswahl der während der Brasilien-Expedition entstandenen Feldskizzen, Zeichnungen und Aquarelle  ist vom 6. Februar bis zum 3. März  2019 in der Bibliothek des Ibero-Amerikanischen Instituts zu sehen.  Bilder, die als wirklichkeitsgetreue Abbildung der unbekannten tropischen Welt komponiert wurden, um die fremden Kulturen der eigenen visuell zugänglich zu machen,  zeigen aus heutiger Sicht ganz generell, wie stark die Wahrnehmung des Fremden von vorherrschenden Sehgewohnheiten beeinflusst wurde. Was galt als authentisch? Wie stark war die Motivwahl von romantischen Vorstellungen geprägt? Nach welchen Kriterien wurde der Bildaufbau vorgenommen? Spix_Reiseatlas_original_34-Saibo
Und dennoch wurde durch den Akt des Zeichnens an sich stets doch auch wissenschaftliche Genauigkeit garantiert. Denn beim Zeichnen musste sich der Forscher über die Schulter blicken lassen.* Was er zeichnete, wurde möglicherweise kommentiert und korrigiert. Die im IAI ausgestellten Tafelbilder der Brasilien-Expedition sind herausragende Beispiele für präzises Porträtieren und Abbilden  von kulturell bedeutsamen Objekten, für die es künstlerische Fertigkeiten bedurfte, die Spix und Martius mitbrachten. Interessant ist die von Dr. Karen Macknow Lisboa (Universidade de São Paulo) kuratierte Ausstellung aber nicht zuletzt auch durch den Umstand, dass die Auswahl der Bilder der Besonderheit Rechnung trägt,  dass die beiden Forscher auf ihrer Reise selbst auch als Studienobjekte dienten.
20190206_Spix_MartiusWEB Der sie anfänglich begleitende österreichische Landschaftsmaler Thomas Ender richtete seine Augen auch auf sie. Er malte  „Spix und Martius an Bord der Fregatte Austria nach Rio de Janeiro 1817“ – in Bücher versunken, unter einer Segeltuchplane Schutz vor der Sonne suchend. Und schuf so mit Pinsel und Zeichenstift eine von der Romantik inspirierte idealtypische Abbildung wissenschaftlicher Forschung im 19. Jahrhundert.

Die Ethnologin Dr. Gabriele Herzog-Schröder (Ludwig-Maximilians-Universität München) stellt  im Rahmen der Ausstellungseröffnung  die beiden Forscher vor, die zu den Begründern der ethnologischen Brasilien- und Südamerikaforschung im deutschsprachigen Raum zählen.
Die Brasilienreise der Forscher Spix und Martius vor 200 Jahren |Vortrag von Gabriele Herzog‑Schröder |6. Februar 2019, 19 Uhr |Ibero-Amerikanisches Institut, Lesesaal | Potsdamer Str. 37, 10785 Berlin
Viagem de Spix e Martius pelo Brasil |Spix und Martius: Reisebetrachtungen aus Brasilien | Ausstellung | 06.02.- 09.03.19 | Ibero-Amerikanisches Institut, Lesesaal |Die Ausstellung wird auf Portugiesisch mit einem Begleitheft auf Deutsch zu sehen sein.

*siehe hierzu: Expedition Brasilien. Von der Forschungszeichnung zur ethnografischen Fotografie. Beatrice Kümin. 2007

Bilder: „Blick auf die Kirche Nossa Senhora da Gloria in Rio de Janeiro“ Thomas Ender – Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien. (Die Schutzdauer für das von dieser Datei gezeigte Werk ist nach den Maßstäben des deutschen, des österreichischen und des schweizerischen Urheberrechts abgelaufen. Es ist daher gemeinfrei.) „Maxuruna by Reiseatlas von Spix und Martius“. Wikimedia Commons.  „Spix und Martius an Bord der Fregatte Austria nach Rio de Janeiro 1817“ Thomas Ender ©Biblioteca Nacional, Brasil 

 

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