Die unermüdliche Molly Molloy

Im Jahr 1995 schlugen in Ciudad Juárez die örtlichen Presse-Fotografen mit einer Foto-Ausstellung Alarm: In nur wenigen Jahren hatten sie in ihrer Stadt mehr als dreihundert Morde dokumentiert, die auf das Konto der Drogenkartelle gingen.  Mitte der 1990er Jahre nahm das Juárez-Kartell bereits 250 Millionen Dollar wöchentlich durch den Drogenschmuggel ein. Der mexikanische Anteil der in den USA gehandelten Drogen belief sich auf rund dreißig Prozent. Zehn Jahre später lag er bei über 65 Prozent. Ein nicht geringer Anteil davon kam weiterhin über die offiziellen Grenzübergänge zwischen Ciudad Juárez und El Paso ins Land, an denen jährlich knapp 16 Millionen privater PKWs die Grenze in Richtung Norden passierten.  Juárez hatte durch seine geografische Lage – genau in der Mitte der Grenzlinie – den Vorteil, dass von hier aus alle Straßen wie Arterien in Richtung Norden verliefen, was die Begehrlichkeiten Chapo Guzmans weckte. Der Boss des Sinaloa-Kartells hatte in den 2000er Jahren keine Lust mehr, weiterhin Entgelt an das Juarez-Kartell zu entrichten, für die Nutzung ihrer transnationalen Schmuggel-Infrastruktur. Bald tauchten die ersten Opfer von Narco-Exekutionen an öffentlichen Plätzen auf. Die Gewalt in Juárez spitzte sich nochmals zu, als Felipe Calderón, der damalige mexikanische Präsident, im Jahr 2008 Soldaten und Bundespolizisten nach Ciudad Juarez entsandte. Irgendwann wusste niemand mehr, wer für oder gegen wen auf welcher Seite kämpfte. Juárez versank im Blut. Von den Regierungen auf beiden Seiten der Grenze wurden die Opfer kurzerhand zu in den Drogenhandel verstrickten Kriminellen erklärt.

Was in diesem Konflikt eigentlich Aufgabe der mexikanischen Regierung gewesen wäre –  nämlich, die Zahlen der Todesopfer und die genauen Umstände ihres Ablebens zu ermitteln – , bewerkstelligte stattdessen eine Privatperson auf der anderen Seite der Grenze: Molly Molloy. Die Bibliothekarin der New-Mexico-State-University in Las Cruces, – nur 45 Minuten Autofahrt entfernt von Ciudad Juárez –  hatte bereits Mitte der 1990er Jahre  damit begonnen, eine Liste zu erstellen, auf der sie die in Ciudad Juárez endemisch gestiegene Zahl an Morden  eintrug,  über die zuerst die hiesigen Straßenfotografen berichtet hatten. Diese laufend aktualisierte Liste ließ die Bibliothekarin allen zukommen, die ihrer Google-Newsgroup beitraten.  Aufgrund der zuverlässigen Angaben wurde ihre Frontera List in den Jahren, in denen die Gewalt in Juárez eskalierte, zu einer der wichtigen Quellen für Journalisten und Border-Spezialisten. Schon in den 1990er Jahren nutzten die Abonnenten die Newsgroup aber auch für den Meinungsaustausch zur Border-Problematik ganz allgemein. In Zeiten der US-amerikanischen Null-Toleranz-Politik entwickelte sie sich schließlich zur Plattform einer regierungskritischen Border-Debatte.  Und wenngleich momentan die Anti-Immigrations-Grenzpolitik der US-Regierung den weit größeren Raum im inzwischen recht großen Netzwerk von Molloys Frontera List einnimmt (wobei die Kommunikation inzwischen hauptsächlich per Twitter erfolgt), so wurde die originäre Aufgabe dennoch in keinem Augenblick vernachlässigt: Auf 144 Morde in Ciudad Juárez beläuft sich die Todesbilanz der ersten Wochen des noch jungen Jahres 2019 –  informiert Molly Molloy ihre Newsgroup am  12. Februar 2019.

Sie verwende die Frontera List als ‚Proto-Archiv‘, entgegnet sie auf die Frage, warum sie Buch über die Toten von Juarez führt. Als Ort, an dem Tausende von Artikeln aufbewahrt werden, die den Zeitraum  dokumentieren, in dem Juárez  einer Gewalt ausgeliefert war, die geschichtlich keine Vorläufer besaß. Sie versuche, diese Artikel in einer Form zu archivieren, die die Datenbasis liefert, aus der sich mehr über die Charakteristika der Opfer herausfinden lässt. All diese Informationen werden, so Molly Molloy, eines Tages ein wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen und juristischen Aufarbeitungsprozesses jener Jahre enthemmter Gewalt sein.

Foto: Molly Molloy ©Jeanette Erazo Heufelder

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