‚Ni una más‘

Die Geschichte hinter dem Slogan der mexikanischen Frauenrechtsbewegung

In Ciudad Juárez hatte die mexikanische Frauenrechtsaktivistin Esther Chávez Cano 1993 auf eine Häufung unaufgeklärter Verbrechen an Frauen hingewiesen und Ermittlungen eingefordert. Mitte der 1990er Jahre griff die US-amerikanische Frauenrechtsbewegung das Thema auf.  2003 fand an der University of California eine internationale Konferenz statt mit dem Titel: „Die Maquiladora-Morde, oder: Wer tötet die Frauen von Juarez?“ An der  Konferenz nahmen 1500 Personen teil. Unter anderem die bekannte feministische Dramatikerin Eve Ensler, die 2004 den von Jane Fonda und Sally Fields angeführten Friedensmarsch in Ciudad Juárez organisierte. Die toten Frauen von Juarez waren nun weltweit in den Medien. Sie wurden popkulturell und literarisch verarbeitet. The desert likes young girls flesh – sang die US-amerikanische Songwriterin Tori Amos.  Die Frauen sind der Segen und das Wunder des Glaubens – textete die mit zwei Latin-Grammys ausgezeichnete Band Los Tigres del Norte.  Auch der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño verarbeitete die Frauenmorde in seinem Roman 2666. Die Daten hierfür lieferte ihm der mexikanische Journalist Sergio González Rodriguez, der für sein eigenes Sachbuch Huesos En El Desierto in Ciudad Juárez die Berichte einsah, die Esther Chávez zu jedem Mord angefertigt hatte. Hollywood brachte 2006 gleich zwei Spielfilme auf den Markt, in denen mutige Reporterinnen das Rätsel um die Morde zu lösen versuchen. In Bordertown wird die Reporterin von Jennifer Lopez verkörpert, in The Virgin of Juarez von Minnie Driver. Wie auch im Krimi Die toten Frauen von Juárez des US-amerikanischen Autors Sam Hawken, gibt es in beiden Filmen eine Auflösung des kriminalistischen Rätsels.   El traspatio – deutscher Titel: Das Paradies der Mörder– war 2009 der bei weitem realistischere mexikanische Beitrag zu dem Juarez-Feminizid-Thriller-Genre. Hier werden die Verbrechen auf ein Amalgam aus Korruption und Straflosigkeit zurückgeführt. Auch in akademischen Kreisen wurde seit der UCLA-Konferenz im Jahr 2003 die Feminizid-Debatte kontinuierlich weitergeführt, was sich an der Universität von Juarez in einer stetig wachsenden Produktion von gender studies widerspiegelte.

Esther Chávez Cano hat bei den von ihr dokumentierten Feminiziden in Dreiviertel aller Fälle als Todesursache häusliche Gewalt ausgemacht. Das heißt, die Mörder kamen aus dem familiären Umfeld. 1999 wurde die Casa Amiga eröffnet, das erste Frauenhaus in Ciudad Juárez. In den 2000er Jahren kamen weitere städtische Einrichtungen hinzu, in denen die Angehörigen der ermordeten Frauen und verschwundenen Mädchen juristische Beratung und psychologische Betreuung erhielten. Als man im November 2001 in einem verwilderten Baumwollfeld ein weiteres Mal acht getötete Frauen fand, gingen in drei Fällen die Mütter der Toten bis vor den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte. Und in allen drei Fällen wurde der mexikanische Staat 2009 schuldig gesprochen, ein gesellschaftliches und politisches Klima zuzulassen, in dem Gewalt an Frauen exzessive Formen annimmt. Zum Vergleich: die Zahl der Morde, die Esther Chávez Cano zwischen 1993 und 2007 dem Feminizid zuordnete, belief sich auf vierhundert.  Zwischen 2008 und 2017 registrierte das Colegio de la Frontera Norte 1720 ermordete Mädchen und Frauen allein in Ciudad Juarez. Also vier Mal so viele Feminizide innerhalb eines wesentlich kürzeren Zeitraums.  Doch  wurde diese erschreckende Entwicklung angesichts der mittlerweile in die Hunderttausende gehenden Opferzahlen des sogenannten Drogenkriegs von der internationalen Presse kaum noch registriert.

 

Foto: ©Jeanette Erazo Heufelder

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