Die letzten Llanos mesteños

Cormac McCarthys Border-Trilogie

In den 1990er Jahren, als die USA die Grenze zu Mexiko technisch aufzurüsten begannen, schrieb der in El Paso lebende Gegenwartsautor Cormac McCarthy seine Border-Trilogie – die Romane All die schönen Pferde (All The Pretty Horses), Grenzgänger (The Crossing) und Land der Freien (Cities of the Plain). Wie schon der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes in seinem 1985 entstandenen Roman Der alte Gringo, verwendet auch McCarthy das Motiv der Grenzüberquerung, um Fragen des menschlichen Seins zu behandeln. Bei Carlos Fuentes überquert der 71-jährige amerikanische Journalist und Schriftsteller Ambrose Bierce im November 1913  zum Sterben die Grenze nach Mexiko. Bei Cormac McCarthy stehen die Protagonisten, als sie zu ihrem Mexiko-Abenteuer aufbrechen, an der Schwelle zum Erwachsensein.  In All die schönen Pferde ist die Mexikanische Revolution der Referenzpunkt. In Grenzgänger spielt die Handlung im Umfeld der Hazienda La Babícora, die exemplarisch für den Einfluss steht, den US-amerikanisches Kapital seit den Tagen des Porfiriats trotz Revolution weiterhin im mexikanischen Norden besaß. La Babícora, mit über vierhunderttausend Hektar der größte ausländische Land- und Grundbesitz in Mexiko, blieb von der Revolution unangetastet weiterhin im Besitz der Zeitungsverlegerfamilie Hearst. Die Hearsts hatten in den 1880er Jahren von den Enteignungsgesetzen des mexikanischen Präsidenten Porfirio Diaz profitiert und eine Million Acres Land in der Provinz Chihuahua erworben, die George Hearst einige Jahre später seinem Sohn William Randolph vererbte.  Bewacht wurde das Land der Hearsts von der Guardia Blanca – einer Horde Cowboys, Revolvermänner und örtlicher Polizisten, die mit äußerster Brutalität gegen die ansässigen Bauern vorgingen. Die Handlung in Grenzgänger setzt 1939 ein, als Lazaro Cardenas noch an der Regierung war; jener Präsident, der endlich die wichtigsten  Versprechen der Mexikanischen Revolution einlöste. Doch an die Zerschlagung des Hearst-Besitzes wagte auch er sich nicht.  Mit diesen realen Ereignissen verwebt McCarthy die Geschichte des Romans, in dem eine der beiden Hauptfiguren von den Schergen der Barbicora erschossen wird.  In Mexiko durch einen Pistolenschuss zu sterben, ist im Jahr 1942 wie ein Anachronismus angesichts der Tatsache, dass zu diesem Zeitpunkt im gesamten Südwesten der USA Rekrutierungsbüros geöffnet hatten, die junge Soldaten für den Zweiten Weltkrieg anwarben. Und kaum endete in Europa der Krieg, läutete im Südwesten der USA der Trinity-Test das militärindustrielle Zeitalter ein.  Land der Freien, der letzte Roman der Border-Trilogie, ist diesem Moment gewidmet. Die Geschichte spielt 1952. Man begegnet John Grady und Billy Parham wieder, den Hauptprotagonisten der zwei anderen Romane. Sie arbeiten nun  beide auf derselben Ranch, nicht weit entfernt von dem Testgelände, auf dem die erste Atombombe gezündet worden war. Die Stunden der Ranch sind gezählt. Die letzten Wildpferdebenen, die Llanos mesteños,  waren längst dem Fortschritt in Gestalt von Ölbohrungen, einer intensiven Landwirtschaft und militärischen Testgeländen gewichen. Die Cowboys hatten ausgedient. Ihre Fertigkeiten waren nicht mehr gefragt. Dass McCarthy wenigstens einer seiner Figuren ein klassisches Western-Ende bereitet, wirkt schon fast wie ein Gnadengeschenk. John Grady entgeht dank einer tödlichen Messerstecherei der Agonie weiterer 50 Lebensjahre, wie sie der Autor für Billy Parham vorgesehen hat und auf wenigen Seiten auserzählt. Beide Cowboys sterben, ohne Nachkommen zu hinterlassen. Im Original spielt bereits der Romantitel, Cities of the plain, auf die Transformation des US-amerikanischen Südwestens in steriles, wüstes Land an. Der Titel ist der Genesis entliehen. Zu den Städten der Ebene zählen im ersten Buch Mose die legendären Städte Sodom und Gomorra. Die Städte der Ebene in McCarthys Roman sind El Paso und Ciudad Juarez, die beiden Zwillingsstädte diesseits und jenseits der Grenze, deren nächtliche Lichter McCarthys Cowboys von der Ranch aus in der Ferne leuchten sahen.

 

Foto: ©Jeanette Erazo Heufelder

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