Brasilien: Theater gegen die Norm

In Brasilien hat mit der politischen Kehrtwende auch eine kulturelle eingesetzt. Darunter leidet vor allem jede Form von Kultur, die nicht einer bestimmten gesellschaftlichen Norm entspricht. So darf der auf der Berlinale gezeigte Spielfilm von Wagner Moura über den Revolutionär Marighella nicht gezeigt werden. Und das Theaterstück „Das Evangelium nach Jesus, der Königin des Himmels“ über einen transsexuellen Christus konnte nur unter größten politischen und religiösen Widerständen aufgeführt werden. Zur Zeit ist es in Berlin zu sehen.

Peter B. Schumann sprach mit der Regisseurin und mit der Hauptdarstellerin darüber.*
Eine Kirchenszene. Ein Tisch mit brennenden Kerzen als Altar, das Publikum als Gläubige, zusammengekommen zur Feier des heiligen Abendmahls. Die Priesterin in schwarzem Kleid erzählt zunächst bekannte Bibelgeschichten wie die von Jesus und der Ehebrecherin und überführt sie dann in einen aktuellen Kontext, beispielsweise in die Erfahrungen einer Transfrau.

Denn darum geht es in diesem Stück: um die Auseinandersetzung mit der Unterdrückung und Marginalisierung von Minderheiten wie den Transsexuellen. Und deshalb heißt dieser große Monolog von der schottischen Autorin Jo Clifford Evangelium nach Jesus, der Königin des Himmels.Christus als Transfrau – das füllt in Berlin problemlos das Ballhaus Naunynstraße. In Brasilien dagegen wurde das Werk zum Skandalon. Die Regisseurin Natalia Mallo: „Wir wurden von Anfang an wegen der Verunstaltung religiöser Symbole und der Beleidigung des Glaubens angeklagt.“

Und die Hauptdarstellerin Renata Carvalho fügt hinzu:Vor allem geht es um die Darstellung von Jesus durch einen Transvestiten. Wir haben 2 juristische und 3 politisch-religiöse Anklagen erhalten. Außerdem haben wir alle Formen physischer Angriffe erlitten: mit Tränengasbomben, mit Schüssen und Steinen, mancherorts konnte ich mich nicht mehr auf der Straße zeigen. Jesus kann überall und von jedem dargestellt werden, nur nicht von einer Transfrau.

Jedenfalls nicht im größten Land Lateinamerikas. Dabei ist  Brasilien doch bekannt und beliebt für seine Lebensfreude, für sexuelle Freizügigkeit undKörperkult. Oder ist das nur das touristische Klischee? Natalia Mallo:Das ist eine Art von Maske, die sich eine extrem moralistische, gewalttätige und konservative Gesellschaft zugelegt hat. Der Karneval mit seiner Libertinage spielt sich in einem spezifischen Raum ab, wo der Körper bis zum Pornografischen ausgestellt werden darf, aber nur in diesem Zeitraum. Ich habe hier in Berlin einen sehr viel freizügigeren Umgang mit dem Körper erlebt als in Brasilien.

Mit der Rechtswende in den letzten Jahren haben die Angriffe gegen jede Form von Kunst und Kultur zugenommen, die nicht bestimmtengesellschaftlichen Normen entspricht und sogar Tabus bricht. Durch die von Evangelikalen beherrschte Regierung Bolsonaro wurden sie weiter verstärkt. Auch wurden die Förderprogramme in vielen Bereichen drastisch gekürzt. Diese Attacken haben aber nicht nur finanzielle Konsequenzen, wie Natalia Mallo ausführt: „Außerdem haben sie zu Selbstzensur geführt. Die Kuratoren von Festivals oder von Ausstellungen versuchen, Probleme zu vermeiden, und programmieren bestimmte Dinge nicht mehr, wenn sie auf öffentliche Gelder angewiesen sind.

Seit in Brasilien die extreme Rechte an der Macht ist, kann es sogar passieren, dass der Gouverneur des Bundesstaates Pernambuco das renommierte Festival von Garanhuns zwingt, ein Stück wie Das Evangelium nach Christus, der Königin des Himmels aus dem Spielplan zu nehmen, weil sonstdie staatlichen Zuschüsse gestrichen würden. Trotz aller lokalen und regionalen Verbote haben diesen inzwischen berühmten Monolog 16.000 Leute sehen können. Doch nach den vielen diskriminierenden Kampagnen wagt es heute in Brasilien niemand mehr, das Stück aufzuführen.

*Der Beitrag war am 28.03.2019 im „SWR – Journal am Abend“ zu hören

Foto: File:Monica Leon Gay Pride Paris 2008.jpg  vía Wikimedia Commons

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