Berlin, Buenos Aires

2019 jährt sich zum 25. Mal die Städtepartnerschaft zwischen Buenos Aires und Berlin. Wir nehmen dieses Jubiläum zum Anlass, an die Menschenrechtskämpferin Ellen Marx (1921-2008) zu erinnern –  deutsch-jüdische Emigrantin und ‚Mutter der Plaza de Mayo‘.*

Die gebürtige Berlinerin Ellen Marx ist 1939 nach Argentinien emigriert. Das Land an der Südspitze Amerikas war zwischen 1933 und 1945 Fluchtpunkt für fünfundvierzigtausend verfolgte europäische Juden. Ellen Marx hat hier eine Familie gegründet, vier Kinder bekommen und ihr Leben in der wachsenden jüdischen Gemeinde von Buenos Aires verbracht.

1976 putscht sich in Argentinien das Militär an die Macht. Es ist nicht die erste Militärdiktatur, die das Land im 20. Jahrhundert erlebt, aber es ist die brutalste und grausamste, in der jeder, der sich der Opposition verdächtig macht, verschleppt, gefoltert und getötet wird. Dreißigtausend Menschen verschwinden in den nächsten Jahren in geheimen Folterlagern, die wie ein Netz das Land überziehen.

Dass Argentinien Emigranten aus aller Welt eine neue Heimat geboten hat, spiegelt sich nun in den Namen, die auf den Verschwundenenlisten auftauchen. Unter den Opfern sind auch Kinder der jüdischen Emigranten, die sich in den 1930er Jahren vor der nationalsozialistischen Verfolgung nach Argentinien retten konnten.

Zum Zeitpunkt des Militärputsches sind drei der Kinder von Ellen Marx bereits erwachsen. Ihre ältere Tochter und ihr älterer Sohn leben in Israel. Die jüngere Tochter Leonor ist 28 Jahre alt und arbeitet in Buenos Aires als Meteorologin. Fünf Monate nach dem Putsch der Generäle wird sie verschleppt. Sie verschwindet und taucht nie wieder auf. Ellen Marx’ jüngster Sohn ist, als seine Schwester entführt wird, noch ein Kind.

An jenem Augusttag im Jahr 1976, an dem Leonor verschwindet, beginnt für die Mutter die Suche. Zunächst als Wettrennen gegen die Zeit, um das Leben der Tochter zu retten. Dann wird daraus ein Akt des Widerstands. Sie schließt sich den Müttern der Plaza de Mayo an, die in Zeiten der Diktatur auf die Straße gehen und sich auf dem Platz vor dem Regierungsgebäude versammeln, um auf das Schicksal ihrer verschwundenen Angehörigen aufmerksam zu machen. Und schließlich, in den Jahren nach dem Zusammenbruch der Militärdiktatur, setzt sie den Widerstand mit rechtlichen Mitteln fort. In einem zähen Kampf gegen die durch Amnestiegesetze garantierte Straflosigkeit, dank der sich die Mörder in Uniform nicht vor argentinischen Gerichten verantworten müssen.

In dieser Phase ihrer Suche kommt Ellen Marx wieder mit dem Land in Berührung, das ihr selbst vier Jahrzehnte vorher – achtzehnjährig – Familie und Bürgerrechte geraubt hat.

1983, im letzten Jahr der argentinischen Militärdiktatur, kehrt sie zum ersten Mal seit ihrer Vertreibung nach Deutschland zurück und knüpft Kontakte, die beitragen sollen, dass die Vorgänge im fernen Argentinien stärker wahrgenommen werden.

Ende der Neunzigerjahre ist sie in der ‚Koalition gegen Straflosigkeit‘ aktiv, dem Zusammenschluss einer Gruppe von Anwälten, Kirchen- und Menschenrechtsinitiativen, die die Fälle der deutschstämmigen Opfer der argentinischen Diktatur vor deutsche Gerichte bringen wollen.

Die deutschjüdischen Mitglieder dieser Gruppe verbindet der tragische Umstand, dass ihnen  – wie bei Ellen Marx – oft als einziges Familienmitglied in jungen Jahren die Flucht vor den Nazis geglückt ist und sie ein halbes Leben später nicht verhindern konnten, dass ihre Kinder wieder in die mörderischen Fänge eines Terrorregimes gerieten.

Ellen Marx’ Biografie erzählt von einem deutschjüdischen Emigrantenlos, das zugleich Familientragödie in Zeiten lateinamerikanischer Diktaturen ist. Als Tochter einer Mutter, die in Auschwitz ermordet wurde und Mutter einer Tochter, die in den Folterlagern der argentinischen Militärs verschwunden ist, ist sie ein Leben lang von abwesend Anwesenden umgeben.

Als Ellen Marx im September 2008 mit siebenundachtzig Jahren stirbt, hat sie siebzig Jahre davon in der deutschjüdischen Gemeinde von Buenos Aires verbracht. Im Kreis jener Gruppe, mit der sie 1939 als Jugendliche aus Berlin geflohen ist. Es sind gleichaltrige Freunde aus dem Ring, einer Pfadfindergruppe des deutschjüdischen Jugendbunds und die Gruppenleiter, junge Rabbiner und Mitarbeiter des jüdischen Central-Vereins, die gemeinsam mit ihr auf einem der Schiffe der französischen Reederei Chargeurs Réunis die Stadt am Rio de la Plata ansteuern. Schon in Berlin lebten sie im gleichen Stadtteil. Einige sogar in der gleichen Straße.  In Buenos Aires treffen sie sich wieder.

 

Foto: Ellen Marx ©privat.

*“Von Berlin nach Buenos Aires. Ellen Marx. Deutsch-jüdische Emigrantin und Mutter der Plaza de Mayo“, Jeanette Erazo Heufelder. Metropol Verlag, Berlin 2014.

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