Archimboldi und die deutschen Spione

Am Donnerstag, den 2. Mai 2019, spricht die Lateinamerikanistin Susanne Klengel über Bolaños Verhältnis zu Ernst Jünger und seinem Werk.

Roberto Bolaños Interesse an deutscher Geschichte und deutschsprachiger Literatur ist offensichtlich und fließt auch in sein Meisterwerk 2666 mit ein. Die Hauptfigur, Benno von Archimboldi, ist ein verschollener deutscher Schriftsteller, dessen Spuren eine Gruppe Literaturwissenschaftler bis in die mexikanische Grenzstadt Santa Teresa folgt. Reales Vorbild für das fiktive Santa Teresa ist bekanntermaßen Ciudad Juárez, das in den 1990er Jahren als ‚Stadt der Frauenmorde‘  in die Schlagzeilen geriet. 80 Jahre früher, in den 1910er Jahren, machte Ciudad Juárez als Schauplatz der Mexikanischen Revolution von sich reden. Im Umfeld der mexikanischen Revolutionäre hatte sich damals ein deutscher Agentenring herausgebildet, der den Auftrag hatte,  einzelne Protagonisten  für die politischen Interessen Deutschlands zu manipulieren – mit dem Ziel,  den Kriegseintritt der Vereinigten Staaten  in Europa zu verzögern. Zentrale Figur war ein gewisser Felix Sommerfeld, der für Pancho Villa als Waffeneinkäufer fungierte und zeitweise bis zu vierzig Agenten beschäftigte. Unter dem Decknamen Horst von der Goltz kämpfte so zum Beispiel der deutsche Spion Franz Wachendorf in den Truppen Pancho Villas, während der deutsche Arzt Arnold Krumm-Heller Zugang zu hochrangigen mexikanischen Regierungspolitikern besaß. In Krumm-Heller paarte sich  deutscher Nationalismus mit einer echten Begeisterung für die Mexikanische Revolution.  Er war Arzt des Präsidenten Francisco Madero, mit dem er das Interesse am Spiritismus teilte. Nach Maderos Tod ergriff Krumm-Heller für Venustiano Carranza Partei. Er schrieb zwei Dutzend esoterischer Bücher, in denen er Gnostik, Okkultismus und Spiritismus mit Rassentheorien mischte. Davon überzeugt, dass Mexiko Deutschlands spirituellem Ruf folgen würde, gründete Krumm-Heller in Mexiko die germanisch-imperialistische Gesellschaft des Eisernen Kreuzes, deren Vorsitz er Carranza übertrug. Im Juni 1916 entsandte ihn Carranza nach Berlin, wo er als Militärattaché in der mexikanischen Botschaft arbeitete. Am 6. April 1917 erklärten die USA dem Deutschen Reich den Krieg. Kurz darauf zerfiel der deutsche Agentenring am Rio Grande/Bravo, der wie Bolaños literarischem Universum entsprungen wirkt.

 

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Roberto Bolaño und Ernst Jünger. Eine (un)heimliche Konstellation | Vortrag von Prof. Susanne Klengel (FU Berlin) | Sprache: deutsch| Donnerstag, 2. Mai 2019, 18.00 h, Simón-Bolívar-Saal, Potsdamer Straße 37, 10785 Berlin | Eintritt frei

Eine Veranstaltung der ‚Freunde des IAI‘

 

Titelbild: Arnold Krumm-Heller; Foto links: Felix Sommerfeld; Foto rechts: Horst von der Goltz / http://www.felixsommerfeld.com; Wikimedia Commons

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