‚Auf den Spuren von Jesu‘ in Wedding

Ein Erfahrungsbericht von Peter B. Schumann |Zur Einstimmung auf die Veranstaltung am 2. Dezember 2019 im Ibero-Amerikanischen Institut, Berlin.

Gottesdienst im Salomon-Tempel der Igreja Universal do Reino de Deus in São Paulo. 10.000 Gläubige feiern zusammen mit ihrem Oberhirten und Kirchengründer, dem selbsternannten Bischof Edir Macedo, die Einweihung des neuen Zentrums der Igreja. Das riesige Gebäude ist der architektonische Ausdruck des Machtanspruchs dieser Universalkirche des Königreichs Gottes. Sie soll weltweit 8 Millionen Anhänger zählen und besitzt in Brasilien nicht nur Gotteshäuser, sondern ein ganz weltliches Firmenkonglomerat. Es umfasst Verlage, Supermärkte, Reisebüros, Holzfabriken, Immobilien-Unternehmen und vor allem ein Medienimperium mit Dutzenden von Fernseh- und Radiostationen im ganzen Land.

                                 Dagegen ist das Hilfszentrum, wie die Igreja in Berlin heißt, eine bescheidene Filiale. Immerhin finden auch ihre Andachten in einer Kirche statt, was bei den zahllosen freikirchlichen Einrichtungen in der Hauptstadt eher die Ausnahme ist. In der Nazarethkirche im Wedding, die einer anderen Freikirche gehört, hat sie sich eingemietet und würde den neogotischen Backsteinbau vom Ende des 19. Jahrhunderts gern kaufen.

Das will Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel jedoch verhindern, wie er durch seine Pressestelle wissen ließ: „Einiges deutet darauf hin, dass eine solche Kirche für den Bezirk keine positive Entwicklung befördern würde – sprich: die vorgeschriebene Abgabe von zehn Prozent des Einkommens sowie weitere Opfergaben der Gläubigen würden wohl jemand ganz anderem zugutekommen als den Menschen im Wedding.“

Der brasilianischen Mutterkirche geht nämlich der Ruf voraus, dass ihre Missionstätigkeit eine sehr materielle Basis besitzt, dass sie einem Konzern mit angeschlossenem Kirchenbetrieb gleicht, in dem jeder Gläubige zu Pflichtabgaben gezwungen ist.

Darüber hätte ich gern mit dem verantwortlichen Pastor Bruno Lopes gesprochen. Doch dieser teilte mir mit: „Wir werden leider nicht für ein Interview zur Verfügung stehen, aber können gerne alle Ihre Fragen per E-Mail beantworten.“ Und bei dieser Gelegenheit ließ er den neugierigen Journalisten auch wissen:    „Sie sind herzlich eingeladen, an einem unserer Gottesdienste teilzunehmen, aber es wird nicht erlaubt, den Gottesdienst in irgendeiner Form aufzunehmen.“

                                 An einem Sonntagnachmittag pilgere ich also zu einer der vier täglichen Andachten in den Wedding. Der Neuling wird sofort erkannt und auf das Verbot der Aufzeichnung hingewiesen. Ein junger, brasilianischer Pastor in weißem Hemd und schwarzer Hose bemüht sich lautstark und gestenreich den Gläubigen die segensreiche Kraft Gottes und das Heil durch Jesus Christus zu verkünden. Dann wirbt er minutenlang für den Zehnten: „Bitte in den gelben Umschlag“ und für die zusätzliche Opfergabe: „Bitte in das weiße Kuvert“.

Ein älterer Mann in rotem T-Shirt, offensichtlich ein Gemeindehelfer, fragt mich, ob er für mich beten dürfe. Er legt mir seine Hand auf den Kopf und flüstert mir etwa Folgendes zu: „Gott wird dich retten, du musst es nur zulassen. Er wird die Kräfte des Bösen, die dich beherrschen und die dich krank machen, zerstören. Gott wird dir den Teufel austreiben, der dich daran hindert, ein glücklicher Mensch zu werden. Gott wird deine Gebrechen beseitigen und dich reich machen.“

Ich fühle mich etwas fehl am Platz, als er mich mit Begriffen wie dem Bösen oder gar mit dem Teufel für das himmlische Reich begeistern will. Nach einer guten halben Stunde ist die Andacht vorbei. Ich versuche, dem Pastor ein paar Fragen zu stellen, werde aber gleich an eine höhere Instanz, Pastor Ulises Vidal, verwiesen.

Kurz darauf kommt Vidal zu mir – ein Mann mittleren Alters, weißes Hemd, schwarze Hose – und bittet ebenfalls, nichts aufzuzeichnen. Ich resümiere also aus dem Gedächtnis: „Das Hilfszentrum ist die Zentrale für die elf Gemeinden in ganz Deutschland. Sie bietet jedem Unterstützung, der zu ihr kommt. Auch Obdachlose versorgt sie mit Essen und Kleidung. Finanziell ist sie völlig autonom von der Mutterkirche. Alle Kosten werden aus den Spenden der Gläubigen bestritten.“ Und auf die Frage, ob diese Spenden eine Pflichtabgabe darstellen, sagt er: „Alles ist freiwillig, jeder gibt, was er kann.“

In der deutschen Ausgabe der Bibelauslegung von Kirchengründer Edir Macedo Auf den Spuren von Jesu liest sich das jedoch ganz anders: „Das Geld ist der Grundstein im Werk Gottes… Der Zehnte wurde vom Herrn eingeführt als eine Art Steuer für Seine Kreaturen… Er ist von so großer Wichtigkeit, dass er vor den Zehn Geboten vom Gesetz Gottes angeordnet wurde… Der Zehnte bedeutet die ersten zehn Prozent von allem, was wir erhalten. Wir sind durch die biblischen Gesetze verpflichtet, die zehn Prozent zu bezahlen.“

Alle Kirchen fordern von ihren Gläubigen Spenden. Aber keine macht es so unverblümt und leitet ihre Zwangsabgabe auch noch aus der Bibel ab wie die Igreja Universal. Normalerweise gilt Geld als die Wurzel allen Übels, hier bietet es den Weg zu Gott.

                                 Sehr erfolgreich hat ihn Bischof Macedo eingeschlagen. Das ‚Forbes‘-Magazin schätzt das Vermögen des ehemaligen Lotterielos-Verkäufers auf etwa 820 Millionen Euro. Das heißt: die Universalkirche des Königreichs Gottes ist die reichste der zahllosen evangelikalen Gemeinschaften in Brasilien.

Was das bedeutet, erklärt der brasilianische Journalist und ehemalige Parlamentsabgeordnete Jean Wyllys: „Die Universalkirche ist ein transnationales Unternehmen mit Vertretungen in fast allen Ländern, auch in Afrika und in Europa. Politischen Einfluss übt sie besonders stark in Brasilien aus. Sie finanziert die Wahlkampagnen von Politikern, die ihre Interessen und rechtskonservativen Werte in den Parlamenten auf allen Ebenen vertreten. Zusammen mit anderen evangelikalen Vereinigungen hat sie es geschafft, im Bundesparlament 120 Abgeordnete zu platzieren. Das ist rund ein Viertel der Parlamentarier. So wurden z.B. Gesetzesvorhaben gegen die Abtreibung oder für die Homoehe von den Evangelikalen blockiert. Gleiches gilt für die rechtliche Anerkennung unseres afrikanischen Kulturerbes, das sie für diabolisch halten.“

Über den Einfluss der evangelikalen Bewegungen auf Politik und Gesellschaft Lateinamerikas spricht der Publizist Peter B. Schumann (Freunde des IAI)   am Montag, den 2. Dezember 2019, mit dem Politikwissenschaftler  Nikolaus Werz,  mit Claudia Zilla von der Stiftung Wissenschaft und Politik und mit dem brasilianischen Soziologen Luiz Ramalho.

Die Evangelikalen in Brasilien zwischen Mission und Politik | Montag, 2.12.2019, 18.00 h, Simón-Bolívar-Saal, Ibero-Amerikanisches Institut, Potsdamer Straße 37, 10785 Berlin | Sprache: deutsch | freier Eintritt

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Eine Veranstaltung der ‚Freunde des IAI‘  in Kooperation mit dem Ibero-Amerikanischen Institut  

 

Foto: Neue Nazarethkirche in Wedding via Wikimedia Commons

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