‚Am Rand der Demokratie‘

… so heisst  der Oscar-nominierte Dokumentarfilm von Petra Costa. Seit seiner Nominierung versucht die brasilianische Regierung dieses gesellschaftskritische Werk zu diskreditieren.

Von Peter B. Schumann

Die Kampagne hat in den letzten Tagen zugenommen. Sie ist Teil eines Kulturkampfes, den die Regierung Bolsonaro gegen alle progressiven Ausdrucksformen unternommen hat. Kurz vor der Preisverleihung haben deshalb mehr als 2.000 brasilianische und internationale Intellektuelle und Künstler sich in einem Manifest gegen diese „zunehmende Bedrohung der Demokratie in Brasilien“ gewehrt.   

„Seit dem Machtantritt Bolsonaros am 1. Januar 2019 sind wir Zeugen einer autoritären Eskalation der Regierung, die systematisch versucht, verschiedene brasilianische Institutionen der Kultur, der Wissenschaft und der Bildung sowie der Presse ihrer Kontrolle zu unterwerfen.“

So heißt es in diesem Manifest, in dem eine Vielzahl von Zensurfällen gegen progressive Ausdrucksformen, Konzepte oder Lebensentwürfe dokumentiert werden, d.h. gegen die Kultur, für die Brasilien berühmt ist. Unterzeichnet haben das Dokument u.a. die legendären Liedermacher Chico Buarque und Caetano Veloso, der Fotograf Sebastião Salgado, Schriftsteller wie Paulo Coelho und Bernardo Carvalho, sowie internationale Größen wie der britische Musiker Sting und aus den USA der Filmregisseur Julian Schnabel, der Kapitalismus-Kritiker Noam Chomsky oder der Schauspieler Willem Dafoe. 

Es ist meines Wissens das erste Mal, dass eine solche intellektuelle Falanx gegen eine demokratisch gewählte Regierung in Brasilien Stellung bezieht. Aber ist es auch das erste Mal in der Geschichte des Landes, dass eine solche Regierung einen Kulturkampf entfesselt, einen ideologischen Umbruch, wie ihn noch nicht einmal die Militärs angestrebt haben. Der Politologe Luiz Ramalho:

„Es ist Bolsonaro gelungen, einen ideologischen Kurs der extremen Rechten einzuschlagen. Dieser richtet sich vor allem gegen den von ihm so genannten „kulturellen Marxismus“, d.h. den Kommunismus. Für ihn herrscht in Brasilien überall Kommunismus: die Gender-Ideologie ist kommunistisch genauso wie die Kultur, die Bildung, die Forschung und selbst der Klimawandel, alles ist kommunistisch unterwandert.“

Und natürlich auch der Oscar nominierte Film, dessen Titel schon verdächtig ist: Am Rand der Demokratie. Er wird allerdings nicht als marxistisch deklassiert, die Regisseur Petra Costa ist vielmehr ein „Vaterlandsverräterin“. Die 36-jährige Dokumentarfilm-Regisseurin beschreibt darin aus einer ganz persönlichen Sicht die Schwierigkeiten der brasilianischen Demokratie, die so alt ist wie sie, und ihre Hoffnungen auf die beiden Regierungen von Lula da Silva und vor allem Dilma Rousseff, der ersten Präsidentin Brasiliens.

Sie verschweigt nicht die Korruption zu jener Zeit, aber ihr Delikt – im Verständnis der Regierung Bolsonaro – besteht darin, die sozialen Fortschritte für Millionen von Armen durch beide Präsidenten gewürdigt zu haben. Deshalb versuchte dieses Regime bereits den Abstimmungsprozess der Academy für den Oscar zu beeinflussen – wie Petra Costa letzte Woche in einem Interview mit dem US-amerikanischen TV-Programm PBS aufdeckte. Darin kritisierte sie heftig die Politik Bolsonaros.

„Seit er gewählt wurde, ist die Anzahl der Morde von Polizisten an Kriminellen um 20% gestiegen, und im Bundesstaat Rio haben sie mehr Morde an Farbigen verübt als die Polizei in den USA. Er hat außerdem Farmer und Holzfäller veranlasst, verstärkt in indigene Reservate vorzudringen und den Amazonas-Wald niederzubrennen, der längst in Gefahr ist, zur Savanne zu werden, was tragisch wäre für die ganze Welt.“

Die Antwort des Präsidialamtes folgte sofort per Twitter: „Die Filmemacherin Petra Costa hat eine Rolle als anti-brasilianische Aktivistin gespielt und das Image des Landes durch eine Reihe von Fake-News in einem Interview mit dem amerikanischen Fernsehen beschmutzt.“

Eduardo Bolsonaro, einer der drei Söhne des Präsidenten und immerhin Parlamentsabgeordneter, legte noch einen Tweet drauf. „Ich bin es nicht gewöhnt, meine Zeit zu verlieren und Lügen von Kanaillen wie der Frau Petra Costa zurückzuweisen, aber das Niveau der Behauptungen dieser kommunistischen Aktivistin ist einfach kriminell.“

Wen wundert eine solche Äußerung. Vater Bolsonaro behauptete letztes Jahr, der Schauspieler + Umweltschützer Leonardo DiCaprio hätte brasilianischen NGOs eine halbe Million Dollar gegeben, damit sie den Amazonas in Brand steckten.

 

Foto: Brazil via Wikimedia Commons

 

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